Wir stolpern über Stolpersteine – Stolpersteine überall

Bamberg, 8. November 2019. Graue Regenwolken hängen über der Stadt, als wir am Bahnhof ankommen. Vielleicht wäre ein Vormittag im warmen Klassenzimmer doch die bessere Idee gewesen? Nein, wir wollen uns heute erinnern, innehalten und mit unserer Aktion auch andere zum gedanklichen Stolpern bringen.

Im Rahmen eines kleinen Projekts gegen Antisemitismus haben wir, die Klasse 10b der Mittelschule Scheßlitz, uns aufgemacht, um in Bamberg Stolpersteine zu putzen. Angesichts jüngster antisemitischer Attentate wie z. B. in Halle und auch wegen des erkennbaren Rechtsrucks der Parteienlandschaft, ist es unserer Meinung nach Zeit, kleine Zeichen zu setzen und sich aktiv mit der deutschen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Aufhänger war neben den schon erwähnten politischen Untaten ein Lied des Deutschrappers Trettmann. Im August veröffentlichte der in Chemnitz geborene Musiker das Lied Stolpersteine, in dem er eindringlich von seinem persönlichen Stolpern über einen dieser Steine und seinen Gedanken dazu singt:

„Schlingen werden wieder geknüpft, Messer wieder gewetzt,

Nein, nicht woanders, Hier und Jetzt...

Wut will mich fressen, doch lass mich nicht fressen!“

Davon aufgerüttelt ziehen wir mit kleinen Putztüten ausgerüstet durch Bambergs Inselgebiet. Schon auf dem Weg durch die Luitpoldstraße „stolpern“ wir, knien nieder, schrubben, putzen und spüren die Blicke der Passanten auf uns. Alle schauen, doch kaum einer spricht uns an. Von Stein zu Stein, Putzmittel raus, Schwämmchen raus, loslegen, polieren. Dann fallen sie wieder ins Auge, die Steine, die an Ferdinand Rapiteau, Willy Aron, Dr. Selma Graf und  all die anderen, die dem nationalsozialistischem Terror zum Opfer fielen, erinnern. Immer wieder müssen wir die Jahreszahl 1941 lesen, die Worte deportiert, ermordet und verschleppt. Wir lesen nicht nur unzählige Namen, wir rechnen nach und gedenken ganzer Familien aus Bamberg, die ausgelöscht wurden.

Am  9. November vor 81 Jahren, in der Reichspogromnacht, brannte auch in Bamberg die Synagoge. Jüdische Mitbürger wurden verfolgt, gedemütigt, misshandelt und verhaftet. Trauriger Höhepunkt war der Tod Willy Lessings, der an den Folgen der Misshandlung starb.

Wir beendeten unsere Putzaktion am Synagogenplatz. Dort reflektierten wir den Vormittag, tauschten unsere Erlebnisse aus und zündeten ein Gedenklicht am Mahnmal an. Uns ist allen klar, dass trotz Regen und Kälte die Aktion gelungen war und wir damit ein wichtiges, wenn auch nur kleines, Zeichen gegen das Vergessen setzen konnten. Um auch digitale Spuren zu hinterlassen, haben einige von uns Instagram- und WhatsApp-Posts erstellt. Somit konnten wir uns unter den Hashtags #keinverblassen, #keinvergessen und #stolpersteineputzen mit Stolpersteine-Putzern aus der ganzen Republik vernetzen.